Höhenkrankheit
ZusammenfassungUnter der Höhenkrankheit versteht man alle Folgen, Symptome und Beschwerden, die aufgrund des in größeren Höhen bestehenden geringen Luftdrucks bzw. Sauerstoffpartialdrucks zustande kommen. Es können dies leichte Symptome ab ca. 2 000 m bis hin zu schweren Symptomen, wie Lungen- und/oder Hirnödemen, Thrombosen und Lungenembolien in größeren Höhen sein. Die Höhenkrankheit kann in ihrer schweren Form zum Tod führen. Die Betroffenen müssen so schnell wie möglich auf geringere Höhe verbracht werden. Als erste Hilfe bietet sich die Gabe von Sauerstoff oder der Einsatz einer hyperbaren Druckkammer aus aufblasbarem Kunststoff an. AllgemeinesViele Menschen betreten, meist im Urlaub oder aus sportlichen Gründen, Regionen, in die früher nur sehr selten Menschen kamen. So werden z.B. Skiurlauber innerhalb von wenigen Minuten per Seilbahn oder einem Hubschrauber auf Höhen bis über 4 000 m befördert. Die meisten dieser Menschen gehen ohne irgendeine Anpassung des Körpers in diese Höhe. Oder Menschen fahren für wenige Wochen zum Trekking in für sie extreme Höhen, z.B. in Nepal. Oder man fliegt nach La Paz in die Hauptstadt Boliviens, mit 3 658 m Höhe, die höchstgelegene Hauptstadt der Welt. Physikalische und physiologische GrundlagenDruck
F= Kraft (von Force) A= Fläche (von Area)
Der mittlere Luftdruck in Meereshöhe beträgt 1,013 bar. Bei Hochdruck- bzw. Tiefdrucklagen kann er allerdings beträchtlich schwanken.
Aufgrund von Gleichung 4 ergibt sich für den mittleren Luftdruck in Meereshöhe: 1,013 · 750 mm Hg = 760 mm Hg. Luft ist stark komprimierbar. Sie besitzt unter Normalbedingungen, also bei einem Druck von 1 bar, eine Dichte von 1,13 kg pro m3. PartialdruckUnter dem Partialdruck (= Teildruck) eines Gases in einem Gasgemisch von 2 oder mehr verschiedenen Gasen versteht man den Druck eines der Gase, der herrschen würde, wenn man bis auf dieses Gas alle anderen aus dem Volumen entfernt hätte. Der Partialdruck pD eines Gases in einem Gasgemisch mit den Gesamtdruck p0, das sich aus beliebig vielen Gasen mit den jeweiligen Volumenprozentanteilen Vn zusammensetzt, berechnet sich damit wie folgt:
Entsprechend der Definition des Partialdrucks ergibt die Summe aller im Gasgemisch vertretenen Partialdrücke natürlich wiederum den Gesamtdruck p0 des Gases. Beispiel: Zusammensetzung von Einatem- und Ausatemluft in ProzentenIn der Einatemluft sei der Gesamtdruck beispielsweise 1 bar. Der Volumenprozentanteil des Sauerstoffs beträgt in trockener 0,21 (= 21%), der von Stickstoff 0,78 (= 78%) und der der Restgase 0,01 (= 1%). Für diesen Fall berechnet sich der Partialdruck des Sauerstoffs wie folgt:
Da der Luftdruck in Meereshöhe 1,013 bar beträgt, folgt für den Partialdruck des Sauerstoffs: 1,013 • 0,21 = 0,213; er beträgt in Meereshöhe in trockener Luft somit rund 0,21 bar. Entsprechend folgt unter denselben Voraussetzungen für den Partialdruck des Stickstoffs ein Wert von rund 0,78 bar. Die eingeatmete Luft wird im Organismus auf ca. 37° C erwärmt und nahezu 100%tig mit Wasserdampf gesättigt. Außerdem wird im Organismus Sauerstoff für den Energiestoffwechsel verbraucht und zu Kohlendioxyd umgewandelt und damit zusätzlich Kohlendioxyd abgegeben. Daher ist die Zusammensetzung der ausgeatmeten Luft verschieden von der eingeatmeten. Der Partialdruck des Sauerstoffs in der umgebenden Luft und, daraus resultierend, in der Luft der Lunge spielt für die Entstehung und Therapie der Höhenkrankheit die entscheidende Rolle. In der folgenden Tabelle erkennt man, dass der Sauerstoffpartialdruck in einer Höhe von rund 5000 m bereits auf die Hälfte gesunken ist.
Tabelle 1: Mittlere Luftdrücke und Sauerstoffpartialdrücke von mit Wasserdampf versehener Luft in verschiedenen Höhen in der Atmosphäre und in der Lunge. Letztendlich ist für alle Symptome und Beschwerden der Höhenkrankheit der zu geringe Sauerstoffpartialdruck in der atmosphärischen Luft und damit in den Lungenbläschen (Alveolen) verantwortlich. In Tabelle 1 sind für eine Reihe von Höhen die mittleren Gesamtdrücke sowie die mittleren Sauerstoffpartialdrücke für die mit Wasserdampf versehene Atmosphärenluft sowie für die Lunge, also in den Lungenbläschen, aufgelistet. Ursachen der HöhenkrankheitMan unterscheidet im Prinzip vier Zonen, in denen es aufgrund des Sauerstoffmangels zu unterschiedlichen Reaktionen des Organismus kommen kann. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Bereiche als Mittelwerte anzusehen sind, da individuelle Dispositionen und/oder Akklimatisationen zu beträchtlichen Verschiebungen führen können. IndifferenzzoneIn dem Bereich von Meereshöhe, also der Höhe 0 m, bis etwa 2 000 m Höhe werden die physischen und psychischen Funktionen des Menschen praktisch nicht beeinflusst. Sportliche und andere körperliche Höchstleistungen (Arbeit) sind daher nicht oder nur unwesentlich beeinträchtigt. Zone der vollständigen KompensationDieser Bereich reicht von etwa 2 000 m Höhe bis etwa 4 000 m. Der erniedrigte Luftdruck mit dem verminderten Sauerstoffangebot führt bereits ohne körperliche Anstrengungen, also in Ruhe, zu einer Erhöhung von Herzfrequenz, Atemzeitvolumen, sowie vom Herzzeitvolumen. Außerdem vergrößert sich durch die zusätzliche Bildung von roten Blutkörperchen (Erythrozyten) die Blutdichte. Bei Belastungen nehmen diese Werte deutlich mehr zu, als das auf Meerehöhe der Fall wäre. Die physische und psychische Leistungsfähigkeit ist deutlich reduziert. Zone der unvollständigen KompensationDieser Bereich erstreckt sich von einer Höhe von ca. 4 000 m bis zu ca. 7 000 m. In dieser Zone ist ohne Akklimatisation mit erheblichen Störungen, bis hin zu Bewusstlosigkeit und Tod zu rechnen. Die physische und psychische Leistungsfähigkeit ist erheblich reduziert. Auch die Entscheidungs- und Reaktionsfähigkeiten nehmen teilweise erheblich ab. Kritische ZoneDieser Bereich beginnt etwa in einer Höhe von 7 000 m. In Bergsteigerkreisen wird auch von der Todeszone gesprochen. Ab 7 000 m Höhe wird in der Lunge, also in den Lungenbläschen, der kritische Sauerstoffpartialdruck von 30-35 mm Hg unterschritten. Unterhalb dieses Wertes ist kein ausreichender Gasaustausch (Diffusion) von der Lunge ins Blut und vom Blut in die Zellen mehr möglich. Dabei treten in der Regel in dieser Höhe sehr rasch die unter Symptome dargestellten lebensbedrohlichen Reaktionen ein. Ohne die Zufuhr von Sauerstoff oder den raschen Transport in eine niedrigere Höhe ist in der Regel mit dem Tod zu rechnen. Wie sehr aber derartige Reaktionen von individuellen Besonderheiten abhängen, zeigt das Beispiel des Südtiroler Bergsteigers Reinhold Messner, der ohne zusätzlichen Sauerstoff den Mount Everest (8 848 m) bestieg. ZeitreserveDie in Tabelle 2 dargestellten Zeitreserven geben die Zeit in Minuten an, die einer Person nach einem plötzlichen Druckabfall in verschiedenen Höhen, z.B. im Flugzeug, noch für eine ausreichende Aktionsfähigkeit verbleibt.
Tabelle 2: Zeit nach einem plötzlichen Druckabfall, z.B. im Flugzeug, innerhalb der in der jeweiligen Höhe noch eine Aktionsfähigkeit gegeben ist. AnpassungDer menschliche Organismus besitzt eine erstaunliche Fähigkeit, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. So steigt die Anzahl der Erythro-zyten (rote Blutkörperchen), also der den Sauerstoff transportierenden Blutteil-chen, in einer Höhe von 4 500 m bereits nach 2 Tagen um ca.10% an. Nach ca. 10 Tagen Aufenthalt ist die "Schnelle Anpassungsphase" für die Steigung der Erythrozytenzahl bereits abgeschlossen. Die Erhöhung der Erythrozyten-zahl ist mit einer Erhöhung des Hämatokrits verbunden. Der Hämatokrit ist der Prozentanteil der festen Blutbestandteile, also der Erythrozy-ten, Thrombozyten (Blutplättchen) und Leukozyten (weiße Blutkörperchen) am Blutvolumen. Der Hämatokrit beträgt im Nor-malfall beim Mann 42-52% und bei der Frau 37-47%. SymptomeWie erwähnt, ist ab einer Höhe von ca. 2 000 m mit den ersten Anzeichen der Höhenkrankheit zu rechnen. Achtung 1. Leichte Symptome
Reaktion bzw. Hilfe bei leichten Symptomen
Sollten die Symptome nach einer Nacht abgeklungen sein, kann ein langsamer weiterer Aufstieg riskiert bzw. vorgenommen werden. 2. Schwere Symptome
Reaktion bzw. Hilfe bei schweren Symptomen Die betroffene Person ist als schwer krank anzusehen. Ohne Maßnahmen ist sogar mit dem Tod zu rechnen.
3. Schwerste Symptome
Reaktion bzw. Hilfe bei schwersten Symptomen Es besteht akute Lebensgefahr. Der betroffenen Person muss unbedingt geholfen werden. Sofortiges Verbringen in niedrigere Höhe, am Besten um mindestens 1 000 m, aber auch bereits einige 100 m können zumindest lindernd wirken. Zusätzlich, oder sofern ein Abtransport nicht möglich ist, Sauerstoffbeatmung. Und falls vorhanden, Verbringen in eine hyperbare Kammer. Sollte ein Arzt zur Stelle sein, so kann zur Verbesserung der Sauerstoffbilanz z.B. Nifedipin = Adalat verabreicht werden. Zur Behandlung von Hirn- und/oder Lungenödemen kann Dexamethason, wie z.B. Fortecortin verabreicht werden. Der Überdrucksack
Tabelle 3: Übersichtwerte für die in einem Überdrucksack für den Erkrankten erzeugte "Höhe". ProphylaxeAdministrativesBeim Bergsteigen in größeren Höhen, sei es beispielsweise in den Alpen, den Rocky Mountains, den Anden oder dem Himalaja ist es sinnvoll, sich bei der Polizei, dem Militär und/oder Rettungsdiensten anzumelden und ihre mögliche Alarmierung, z.B. per Funk oder Handy abzuklären. Es ist weiterhin der mögliche Einsatz von Hubschraubern, Geländewagen, Trägern, Lasttieren u.ä. abzuklären. Eine Rückhol- und Bergrettungsversicherung sollte bereits vor der Reise abgeschlossen werden. ApparativesBei Aufenthalt in Höhen über ca. 5 000 m, also z.B. beim Trekking im Himalaja, sind Sauerstoffflaschen und Überdruckplastiksäcke (hyperbare Plastikkammern) mitzuführen. Funkgeräte und Handys sind sehr empfehlenswert. Die Mitnahme von Zelten, Schlafsäcken, Taschenlampen, kleinen Kochern, genügend Getränken und Lebensmitteln u.ä. wird als selbstverständlich angenommen. Verhalten, AkklimatisationstaktikFür das Vorhaben, größere Höhen aufzusuchen, gelten die folgenden Grundregeln, die unbedingt eingehalten werden müssen, um gefährliche bzw. lebensgefährliche Situationen zu vermeiden:
Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass das Risiko, an der Höhenkrankheit zu erkranken unabhängig vom Alter - ausgenommen Kleinkinder mit einem erhöhten Risiko - oder dem Trainingszustand (Sportler, Nichtsportler) ist. Auch Raucher haben erstaunlicherweise kein höheres Risiko als Nichtraucher. Aber ganz besonders gilt: MedikamenteEinige Medikamente haben sich als Prophylaxe und Therapeutikum gegen das Entstehen bzw. die Schwere der Höhenkrankheit als geeignet erwiesen: AspirinEtwa 320 mg Aspirin alle 4 Stunden kann zu einer Verringerung der Häufigkeit der Höhenkrankheit und vor allem dem Höhenkopfschmerz in einer Höhe bis zu ca. 3 500 m führen. Auch eine Kombination mit Acetazolamid (Diamox) hat sich bewährt. Diese Prophylaxe und Therapie ist daher besonders für Skifahrer und Bergwanderer empfehlenswert. TheophillinTheophillin verbessert die Atmung während des Schlafs und verringert damit die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Kopfschmerzen und Schlafstörungen. HeparineDer Einsatz von Heparin ist umstritten, da einerseits Blutgerinnungsstörungen vermieden werden können und damit u.a. das Thromboserisiko verringert wird. Auch die Gefahr von lokalen Erfrierungen kann verringert werden. Andererseits steigt das Blutungsrisiko, was nicht unproblematisch ist, da in extremen Höhen, auch ohne Heparin, bereits bei ca. 80 % der Bergsteiger Netzhautblutungen auftreten. KnoblauchIn einigen Studien wird über eine positive Wirkung von Knoblauch, vor allem bei einer pathologischen Lungenbeteiligung berichtet. Es ist aber in seiner Wirkung umstritten, wenngleich seine Einnahme auf jeden Fall nicht schadet. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| © A Med World (m-ww), Powered by Cocomore |